Hanspeter Rosenlechner
Die Flammenschrift an der Wand
The more we ignore what is attempting to emerge in society, the more emergencies we will get.
Otto Scharmer
Die Krisen, als Geburtswehen gelesen
Dreht die Welt durch? Politik, Wirtschaft, Kultur, das Klima – alles zugleich im Fieber, und kein Fieber fällt. Der Rechtsstaat wird ausgehöhlt, Gerichte gefügig gemacht, Ämter nach Parteibuch verschachert. Milliardäre kaufen sich politische Macht, Konzerne bauen Monopole, die Rücksichtslosesten setzen ihr Faustrecht gegen alle anderen durch. Medien hetzen und verdummen fürs Quotenmaximum, öffentlich-rechtliche werden gleichgeschaltet, die Schule erzieht zu Effizienz und Eigennutz. Sommer um Sommer heißer, die Wälder in Flammen, das galoppierende Artensterben – und die Politik? Eyes wide shut weiter auf ihrem Kurs. Jeder Ausschnitt für sich ist bekannt. Zusammengenommen ergeben sie etwas anderes.
Sie ergeben eine Schrift. Wie beim Gastmahl des Belsazar, als eine Hand Zeichen an die Wand schrieb und keiner der Weisen sie zu deuten verstand – eine Flammenschrift an der Wand.
Seit über einem Jahrzehnt entziffere ich sie, an den Ereignissen entlang: Charlie Hebdo, die Klimakatastrophe, der Aufstieg der Rechtsextremen, das Aushöhlen der Demokratie. Und was ich lese, ist dies: Diese Krisen sind das verzerrte Spiegelbild dessen, was in unserer Gesellschaft zur Welt drängt und mit Gewalt daran gehindert wird. Sie sind Geburtswehen. Der Ökonom Otto Scharmer hat den Zusammenhang benannt: Je mehr eine Gesellschaft überhört, was in ihr entstehen will, desto mehr Katastrophen wird sie erleben. Was sich da ankündigt, wird zur Welt kommen; by design or by desaster.
Lesbar wird die Schrift, sobald man sie als Negativ betrachtet. Das Gegenbild eines gleichgeschalteten Bildungs- und Mediensystem ist FREIHEIT. Das Gegenbild der Aushöhlung und Zerschlagung des Rechtsstaats ist GLEICHHEIT vor dem Gesetz. Das Gegenbild der Faustrechts-Wirtschaft, der GeldMacht, ist Gemeinsinn, Kooperation, Gemeinwohl – GESCHWISTERLICHKEIT im Wirtschaften. Diese drei sind die Grundbedürfnisse des Menschen als gesellschaftliches Wesen, so alt wie das Zusammenleben. Überall, wo Menschen ihren Verhältnissen selbst eine Richtung geben, verwirklichen sie sie: ein freies Geistesleben, einen Rechtsstaat der Gleichberechtigten, sowie Genossenschaften und faire Kooperation, wo denen keiner den anderen über den Tisch zieht.
Ich lese diese Schrift aus keiner sicheren Distanz. Ich nehme Partei – für das, was entstehen will, und für die Menschen, die es hervorbringen. Über den Lagerstreit von links und rechts stellt sich diese Parteinahme hinweg; sie ist vor-parteilich, sie ist allgemein-menschlich. Denn die Spaltung selbst ist die Krankheit, und die Parteien leben von ihr. Repräsentativ für die Gesellschaft sind sie nie gewesen; repräsentativ ist allein ein Querschnitt, wie ihn das Los zieht. Ihre Souveränität hat die Gesellschaft mit den Wahlen abgegeben – „Wählen heißt Abdanken", schrieb der französische Geograf und Anarchist Élisée Reclus 1885. Der Weg heraus führt über ihre Rückeroberung: über Bürgerräte, über das Losverfahren, über einen gesellschaftlichen Evolutionsschritt von revolutionärer Tragweite, der ohne revolutionäre Gewalt auskommt – eine rEvolution.
Ob das Ruder noch herumzureißen ist, weiß niemand. Aber wenn überhaupt, dann jetzt. Die Griechen nannten diesen Augenblick kairos – den rechten, der nicht wiederkehrt.