Hanspeter Rosenlechner

Die Flammenschrift

an der Wand

The more we ignore what is attempting to emerge in society,  the more emergencies we will get.

Otto Scharmer 

‍Alles gerät zugleich ins Rutschen: das Klima, die Natur, das Zusammenleben, das Vertrauen in die Politik. Jeder weiß es, die Befunde liegen seit Jahrzehnten auf dem Tisch. Und doch bleibt das Grundlegende, wie es ist, gleich, wer gerade regiert. Man gewöhnt sich daran, man resigniert, oder man wird wütend. Die Wut sucht sich einen Schuldigen, und jedes Lager findet ihn im anderen. So zerfällt die Gesellschaft in Gemeinschaften der Gesinnung, die einander bekämpfen, während das Haus, das sie gemeinsam bewohnen, Feuer fängt.

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‍Was wie ein Chaos aussieht, enthält eine Botschaft. Je mehr eine Gesellschaft ignoriert, was in ihr zu entstehen versucht, desto mehr Krisen wird sie erleben. Beim Gastmahl des Belsazar schrieb eine Hand Zeichen an die Wand, und keiner der Weisen des Reiches konnte sie deuten. Die Krisen unserer Zeit sind eine solche Flammenschrift. Geschrieben haben sie die Menschen selbst, und lesbar wird sie, sobald man sie betrachtet wie ein fotografisches Negativ: Mit vertauschtem Hell und Dunkel zeigt sie vollständig, was den Menschen fehlt und wonach sie verlangen. Was darin zu entstehen versucht, wird entstehen – by design or by disaster.

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‍Durch alle diese Krisen zieht sich dasselbe Muster: Ein Lebensbereich wird nach der Logik eines anderen organisiert. Geld entscheidet, wo das Recht entscheiden müsste. Herkunft und Gesinnung entscheiden, wo alle als gleichberechtigte Bürger entscheiden müssten. Verwertbarkeit entscheidet, wo Erkenntnis und freies Urteil entscheiden müssten. Im Verhältnis von Mensch und Erde zeigt sich das Muster in seiner Umkehrung: Getrennt wird, was zusammengehört.

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‍Woran sich das messen lässt, kennt jeder aus dem eigenen Leben. Jeder Mensch will sein Leben selbst gestalten, sich auf ein gegebenes Wort verlassen können und Hilfe finden, wenn er sie braucht. Diese drei Erwartungen kehren überall wieder, wo Menschen zusammenleben: in der Familie, im Betrieb, in der ganzen Gesellschaft. Im Großen nehmen sie die Gestalt von Kultur, Staat und Wirtschaft an, und sie werden zu den drei Richtungen eines Kompasses. Freiheit, wo Menschen sich entfalten wollen. Gleichheit, wo die Freiheit des einen zur Macht über den anderen zu werden droht. Geschwisterlichkeit, wo Menschen aufeinander angewiesen sind. Die Trias steht auf allen öffentlichen Gebäuden Frankreichs; als Kompass gelesen hat sie kaum jemand.

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‍Ich lese diese Schrift seit über einem Jahrzehnt, und ich lese sie aus keiner sicheren Distanz. Ich nehme Partei: für das, was die Menschen brauchen, und für alle, die es hervorbringen wollen, aus welchem Lager sie auch kommen. Der Maßstab, den ich anlege, gilt für alle Lager mit derselben Strenge.

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‍Aus dieser Lesart ergibt sich ein Weg. Er beginnt bei der Demokratie, wie sie heute besteht, und gibt den Bürgern zurück, was sie mit der Zeit aus der Hand gegeben haben. Er verändert, wie eine Gesellschaft entscheidet, und überlässt ihr, was sie entscheidet. Jeder Schritt lässt sich an seinen Folgen prüfen und korrigieren. Was so entstehen kann, ist ein gesellschaftlicher Evolutionsschritt von revolutionärer Tragweite, der ohne revolutionäre Gewalt auskommt: eine rEvolution.

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‍Offen ist, ob sie aus bewusster Gestaltung hervorgeht oder unter dem Druck der Katastrophe. Die Gesellschaft bewegt sich auf einen Kipppunkt zu, an dem genug Menschen umdenken und die Verhältnisse sich zu wandeln beginnen. Die Erde bewegt sich auf einen anderen zu, hinter dem es kein Zurück mehr gibt. Wo wir zwischen den beiden stehen, weiß niemand mit Gewissheit, aber welcher zuerst erreicht wird, entscheidet darüber. Wenn das Ruder überhaupt noch herumzureißen ist, dann jetzt. Die Griechen nannten einen solchen Augenblick kairos – den rechten, der nicht wiederkehrt.